Bayerischer Bierwagen nach Blatt 422

  • Gutentag,

    Ein weiteres Relikt wurde ausgegraben, diesmal ein zweiachsiger Kühlwagen, der einzig und alleine in Bayern oft als Bierwagen bezeichnet wurde. Natürlich könnten auch andere hitzeempfindliche Produkte damit transportiert werden. Das Modell des Bierwagens stammt mit größter Wahrscheinlichkeit von der Manufaktur MO Miniatur, und wurde Ende der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts auf dem Markt gebracht. Ich bezweifle immer noch ob alle Teile von MO-Miniaturen stammen; Es war ein offenes Geheimnis, dass damals sie für ihre Hauseigenen Produkte Teile voneinander verwendeten.

    Der Bausatz an sich war noch weniger komplett als dem des Friedl Gaswagens, außerhalb einer kompletten Bauanleitung waren die notwendigen Profilen für das Fahrwerk auch nicht vorhanden. Also puzzeln angesagt! Zu meinem großen Glück waren alle erforderliche die Messinggussteile weitestgehend sowie eine die Normalien entsprechende Beschriftungssatz vorhanden, so dass ich, -mit Hilfe der Zeichnung 422 aus dem bayerischen WPV von 1897 sowie den Eisenbahnmodelltechnik Prospekt von Thomas Hey´l aus 1992, worin anhand von das Blatt 422 die drei erforderlichen Ansichten des Bierwagens rekonstruiert sind - dennoch die Möglichkeit hatte den Aufbau des Bierwagens mit Erfolg zu absolvieren.

    Um Alle erforderliche geätzte Wandteile ein wenig im Lot zubekommen, habe ich eine kleine Lötunterlage mit einem festen Anschlag, wogegen wenn erforderlich ein Winkel befestigt werden kann, erstellt. Da sie ausschließlich aus den elektrischen Strom leitende Metalle aufgebaut ist, kann sie ebenso für Widerstandslöten eingesetzt werden. Für das exakt rechteckig biegen der Wände verwende ich eine recht rudimentäre Abkantbank. Ohne ist es fast unmöglich um scharfe Kanten beim Falten der flache Ätzbleche zu bekommen.

    Nachdem die Lötarbeiten absolviert sind, ist eine Vorspülung in etwas Küchenessig oder verdünnter Essigsäure ein gutes Mittel, um die ätzenden Rückstände des Flussmittels weitgehend zu neutralisieren. Danach lassen sich die Lötrückstände sehr gut mit etwas Scheuerpulver und einer alten weichen Zahnbürste entfernen.

    Das Verlöten der Messing-Bodenplatte (Zirka 0,3 mm) mit dem massiveren, 6 mm hoher gefräste, Messinglängsträger kann manchmal problematisch sein. Dünnes Messingblech dehnt sich unter dem Einfluss von (zu) viel Hitze sehr leicht aus, wodurch sich Beulen im Blech bilden können. Deshalb habe ich die komplett bestückten Langsträger mit einen schnellen 2K Kleber (zirka 5 bis 6 min Abbindezeit) verklebt. Während des Abbinden des Klebers wurden die Träger mit ausreichend kleine Haarklammer fixiert. Kleinteile wie zum Beispiel Treppe und Griffstangen unterhalb der Pufferbohle können ebenso gut mit etwas Sekundenkleber verklebt werden; die Klebkraft reicht perfekt. Eventuell können die Teile mit passenden Haar- oder Krokodilklammern festgehalten werden. Eine andere Möglichkeit besteht daraus indem die vorab fertig montierte als Ganze mit dem Fahrwerk verbunden wird. Auch hier wäre eine Verklebung mit einem 2K Kleber vorteilhaft.

    Um das ziemlich fragile Bierwagengehäuseeine gewisse Stabilität zu verleihen, ist es sehr sinnvoll das Inneren des Gehäuses mit Spanten, zum Beispiel aus 4,0 mm starke Polystyrolplatte zu verdoppeln. Somit können in einen weiteren Arbeitsgang die Messingkleinteile ebenso mit einem Sekundenkleber verklebt werden, weil hinter die Aufnahmebohrungen dank dem Polystyrol nun reichlich „Fleisch“ vorhanden ist um eine mechanisch dauerhafte und starke Verklebung zu bekommen. Zusätzlich können nun die erforderlichen Bohrungen vorab vorsichtig angekörnt werden, wodurch sich die Spiralbohrer kaum noch verlaufen. Um beide Fachwerk-Achshalterbleche exakt im Lot zu bekommen, habe ich zwei Kaliber angefertigt. Nachdem die Verklebung am der beiden rechten Haltern am Langträger ausgehärtet war, wurden beide linken Halter verklebt, und mit den Kalibern exakt auf den gegenüberliegenden rechten Halter ausgerichtet. Mit dem Messschieber kann schließlich der Abstand überprüft werden, und wenn nötig korrigiert werden. Zum Schluß noch ein Bild des provisorisch zusammengestellte bayerische Bierwagen. Noch fehlen alle Zurüststeile.























    Viele Grüße aus dem nassen Belgien,

    Jacques Timmermans



  • Hallo Jacques,

    ich bewunder deine Fähigkeiten der Modellbaukunst!!

    Es gibt kaum eine Steigerung, und deine Tips und Tricks sind schon Gold wert.

    Egal welches Material du Bearbeitest sehr "Lehrreich". Das ist so wie "viele andere" in diesem Forum auch, genau was es an Vielfalt ausmacht um selbst sich was zu trauen!!

    Danke dafür ! WEITER SO !


    Mit Besten Grüßen, aus Bremen,

    PeterA.P.

  • Guten Abend,

    So allmählich neigt sich der Bau des Bierwagens dem Ende zu. Das Dach wird, genau wie die Innenwände, aufgedoppelt, weil die dachüberstände ziemlich knapp ausgefallen sind. Hierzu wird ein passendes Stück Polystyrol von etwa 0,3 bis 0,6 mm Stärke auf dem bestehenden Messingblechdach geklebt. Hierbei gewährleisten vier Passstifte allseitig einen gleichen Überstand, und sorgen zusätzlich dafür, dass sich während der Aushärtung des Klebers nichts verschieben kann. Mit vier kleine Klammer wird das Polystyrol sanft auf dem Messingblech gepresst. Nachdem der Kleber völlig ist ausgehärtet, werden die Passstifte schlicht abgezwickt, gespachtelt und abschließend bündig mit dem Dach geschliffen.

    Wenn verlötete Korbpuffer erwünscht sind, dürfen die Puffer noch nicht zusammengebaut werden; Zusammen mit der beim verlöten erforderliche Hitze und dem sehr korrosiven Flußmittel könnten die Pufferstempel und –federn dauerhaft zerstören. Dies kann vermieden werden, indem Pufferstempel und –feder erst nach dem Verlöten montiert werden. Aber es ist eine sehr heikle Angelegenheit, die Sechskantmuttern mit einem 1,5-mm-Schlüssel am Stempel zu drehen. Ohne einen passenden Rohrschlüssel ist ein Scheitern vorausgesagt.

    In diesem Stadium können der Wagenkasten, das Bremserhaus und das Fahrgestell nach gründlicher Reinigung einen ersten Grundanstrich erhalten. Noch fehlen Türbeschläge, Bremserhausbühne und -leitern, Bremsgestänge, Bremsumlenkhebel und Kupplungen. Diese werden auf Vorhand separat lackiert und erst dann endgültig montiert.

















    Viele Grüße aus Lanaken,

    Jacques Timmermans

  • Gutentag,


    Der Endspurt des Bierwagens hat begonnen! Um die Aufstiegstreppen am Bremserhausboden zu verkleben, musste ich eine Art von „dritte Hand“ konstruieren. Zuerst habe ich beide Treppen an der Bodenplatte, die später fest auf dem Fahrgestell geklebt wird, geklebt. Anschließend werden Bremserhausboden und beide Treppe ausgerichtet, fixiert und anschließend mit einige Tröpfchen Sekundenkleber festgeklebt. Während dem Aushärten des Klebers (der Loctite 480 brauch je nach herrschende Feuchtigkeit zwischen 30 und 60 Sekunden) wird die Bodenplatte, um eine starke Verbindung zu erhalten, mit einem kleinen Gewicht erschwert. Um ein Verkleben mit dem fest fixierten Anschlag zu verhindern, habe ich ein Schnipsel Fettpapier zwischen Treppen und Anschlag geschoben. Löten statt Kleben wäre hier genauso gut gewesen!

    Nach der Grundierung bekommen kompletter Wagenkasten samt Bremserhaus und Langträger-Vorderseite einen Anstrich mit RAL 1014 Elfenbein. Um die innere Wände des Bremserhaus nicht mit dem RAL 1014 zu übersprühen, wurde das Bremserhaus völlig mit Schaumstoff ausgestopft. Eine ziemlich knifflige Lackierarbeit ist das Anfertigen einer haarscharfen Trennung zwischen das Schwarz vom Untergestell und das Elfenbein des Langsträger. Ohne ein ziemlich aufwendiges Abkleben und die Verwendung einer speziell angefertigten Maske wird dies überhaupt nicht funktionieren.

    Die Verschlüsse für die Achslagerhalter müssten aus ein passendes L-Profil (2,0 x 1,0 mm) neu angefertigt werden, weil durch den Umtausch der Radlagergehäuse, die dem Bausatz beiliegenden Messinggußteile, nicht zusammenpassten. Nach der Montage werden sie farblich nachgearbeitet. Die Grundplatte der Bremserhaustreppen wird vollständig mit dem Fahrgestell verklebt. Hierzu wird das Bremserhaus provisorisch mit ein wenig Papierklebeband am Wagenkasten fixiert. Hierbei verhindert ein Stück Fettpapier eine unbeabsichtigte Verklebung zwischen Treppen und Wagenkasten. Nachdem die Dächer einen Anstrich mit RAL 7022 Umbragrau, alle Treppen einen Holzbelag erhalten haben, kann mit dem Beschriften von Kasten und Untergestell begonnen werden.






















    Viele Grüße aus Lanaken,

    Jacques Timmermans






  • Guten Abend,


    Wissenswertiges betreffende die Lackierung und Beschriftung.

    Die meisten Bierwagen erhielten eisen Bedachungen von 2 mm starken Bleche, welche in der Regel durch T-Eisen unterstützt sind. Daher ist es anzunehmen, dass die Dächer vielmehr in einem mittel- bis einen dunkelgrauen Farbton angestrichen sind, was man ebenfalls auf zeitgemäßes Bildmaterial zu beobachten ist.

    Hier noch einige Informationen über die Farbgebung des Waggonkastens. Wie in Lothar Spielhoff in seiner Bierwagenbibel erwähnt, tendierten die Wagenanstriche von ein, manchmal sehr grelles Weiß bis zu, fürs Auge, mehr angenehmere grauweiße und weißgelbliche, hellgraue Pastellfarben. Vereinzelt wurden auch Abweichungen, wie hellgrüne und blaue Anstriche gesichtet, was aber nicht die Regel war, je nach Vorgabe der einzelnen Brauereien.

    Nebenbei, die Grundierung und nachfolgende Lackschicht wurde in mehrere Gänge bis zur völlige Deckung aufgenebelt. Darauf folgten, vor und nach dem Beschriften zwei Schichten glänzendem Klarlack, und abschließend eine Schicht mattem Klarlack woran einige Tropfen glänzendem Klarlack versetzt wurden. Also insgesamt sieben Schichten!

    Abschließend noch ein paar interessante Fakten zu den teilweise schon komplizierten Bestimmungen betreffende die Anschriften des Eigentümers (K. Bay. Sts. B) an bayerischen Wagen. In der Regel ist das Eigentumsmerkmal der bayerischen Bahnverwaltung oben rechts am Wagenkasten aufgetragen. Bei älteren Fahrzeugen schloss grundsätzlich ein Punkt jede Zeile und jede Abkürzung ab. Bis 1893 wurden die bayerische Eigentumsmerkmale K. Bay. Sts. B in geschweiften und schattierte Buchstaben ausgeführt.

    Das Staatswappen (Rauten von unten rechts nach oben links ansteigend) befand sich in der Regel auf den Schiebetüren oder rechts davon. Nach 1913 stiegen die Rauten des Staatwappens andersrum an; von unten links nach oben rechts! Während der Prinzregentschaft vom Luitpolds II von 1886 bis 1912 wurden, insbesondere nach der Jahrhundertwende, hauptsächlich Staatswappen ohne Kronenaufsatz verwendet, da Bayern von der Staatsform her kein Königreich, sondern eine Prinzregentschaft. Daher war die bayerische Eisenbahnverwaltung streng genommen keine Königliche sondern eine prinzregentliche Verwaltung. Von 1913 bis 1918, unter die Herrschaft von Ludwig III, wurde die Krönchen wieder oben auf den Staatswappen angebracht.

    Dennoch kann es vorkommen, dass bei einem Wagen des Baujahrs 1885 keine Krone oberhalb des Staatswappens aufgemalt war, weil er inzwischen eine Neulackierung erhalten hat, wenn die Betriebsszene in 1911 spielt.vAndersrum ist ebenso möglich; Indem der Anschriftenmaler sehr royalistisch eingestellt war.

    Nachdem alle Anschriften am Bierwagen Türbeschlag, sämtliches Holzbelag angebracht sind, bekommt er, nach mindestens 12 Stunden Trockenzeit, noch eine dünne Schicht glänzenden Klarlack aufgesprüht auf die dann eine dünne Schicht Mattlack folgt. Das Türbeschlag habe ich mit glänzendem Klarlack verklebt. Zum Schluss werden alle Fenster des Bremserhauses von hinten verglast und kann das Bremserhaus endgültig mit dem Wagenkasten fixiert werden, und kann der Bierwagen seinem Dienst antreten um den Durstigen zu stillen!














    Viele Grüße aus Lanaken,

    Jacques Timmermans


  • Anschließend noch welche Betriebsaufnahmen vom Bierwagen. Er ist den Morgenzug, bestehend aus einem III-Klasse Wagen und einen Fakultativwagen, angehängt. Nachdem alle Passagiere den Zug verlassen haben und die GtL 4/4 Kopf gemacht hat, kann der Bierwagen zum Ladestraße gefahren werden, wo der örtliche Bierbrauer längst bereitsteht um, den kostbaren Gerstensaft entgegenzunehmen. Nun gibt es gewiss reichlich Bier, um den Durst aller Besucher des kommenden Schützenfestes zu löschen. Ob der Heizer auf Bild fünf eine Rüffel vom Lokführer bekommt, ist weiterhin ungewiss!






















    Viele Grüße,

    Jacques Timmermans

  • Hallo Jacques.


    Das sind ganz wundervolle Bilder deiner Gestaltung!!

    Ich bewundere deine Präzision und Handwerkliches Geschick bei deinen Arbeiten.


    Danke für diese sehr schönen Bilder.


    Wünsche Dir hiermit einen sehr angenehmen Abend und ein wunderschönes Wochenende.

    Wir haben ein internes Fahrtreffen und damit steht noch einiges an Erledigungen an.


    Dir nur das Beste, Peter


Participate now!

Don’t have an account yet? Register yourself now and be a part of our community!