• Moin zusammen
    Heute erhielt ich mit der Post ein antiquarisches Buch aus dem Eisenbahn-Kurier-Verlag über "Die Baureihe 93". Es ist noch die alte kleinformatige Ausgabe (Moll, Gerhard u. Hansjürgen Wenzel: Die Baureihe 93, Freiburg 1979) und war wohl nur darum so günstig zu bekommen, ganz im Gegensatz zu den großformatigen Neuausgaben, für die gerne mal 120 bis 170 € verlangt werden. (Ob die Verkäufer diesen Preis wirklich erhalten werden?)
    Der "Mitverfasser" Gerhard Moll hat die 93 "...jahrelang beim BW Erndtebrück als Heizer und als Lokomotivführer" (Seite 5) gefahren. Ich schätze es war auch Moll, der auf den Seiten 148 bis 158 sehr eindrucksvoll vom anstrengenden Schiebedienst im Sommer 1955 auf der 93 682 erzählt. Er berichtet von bis zu 14 Stunden langen Dienstschichten, von Fahrten im Schrittempo, von Tunneldurchfahrten, bei denen die Hitze im Führerhaus unerträglich wird und der Qualm nur auf dem Boden liegend und mit einem nassen Lappen vor dem Gesicht ertragen werden kann. Trotz aller Romantik, die es für den Autor und Lokführer gegeben hat, schreibt er: "Aber die Lokpersonale, die sich auf dieser Steilrampe abgequält haben, wünschen sich den Dampfbetrieb nicht mehr zurück. In der vorgenannten Form wäre er auch gar nicht mehr durchführbar. Es sei nur an die Tunneldurchfahrten erinnert, die heute aus Gesundheitsgründen vielleicht verboten würden, von der Rauch- und Lärmbelästigung ganz zu schweigen." S. 158
    Interessant auch der ganz unromantische Blick auf die offensichtlich vielen Unzulänglichkeiten und Mängel der 93:

    • "Von der Gewichtsverteilung her war die Lok mißlungen." S. 18
    • "Grundsätzlich ist zu bemerken, daß ... Lagerschalen und der Treibzapfen für die Leistung, die man von der Lokomotive forderte, zu schwach gehalten waren" S. 19
    • "Der Massenausgleich an beiden Bauarten war schlecht. Der Betrieb ergab, dass die Lokomotiven im höheren Geschwindigkeitsbereich stark zuckten." (S. 21) Zur Ehrenrettung ist auf der gleichen Seite zu lesen, dass die 93 bei 50 bis 65 km/h ausgesprochen ruhig lief.
    • "Alle nicht größerem Verschleiß unterliegenden Teile wurden mit Öl aus Schmiergefäßen mit Dochten versorgt. An der T 14.1 gab es über 50 Schmierstellen dieser Art, die teilweise so unzugänglich waren, dass man sie gerne 'vergaß'. ... die nicht sonderlich beliebte 93 1000 (verbrauchte) auf 1000 km 24,12 kg Maschinenöl und 1,8 kg Zylinderöl." S. 22


    Trotzdem zieht der Autor am Ende folgendes Reümee: "Aber trotz allem: es war doch schön. Eine gewisse Romantik lag über allem." S. 158


    Schade, dass derartigen Schilderungen aus dem Arbeitsalltag auf einer Dampflokomotive nicht noch mehr Raum gegeben wurde, man möchte viel mehr darüber erfahren.


    Falls jemand entsprechende Bücher kennt: Ich bin für jeden Hinweis und jede Empfehlung dankbar.
    Frank

  • Hallo Frank,
    ich kann dir aus dem EK Verlag die Bücher über die Br03,Br05, Br61,Br70 und die beiden Bücher über die Br.98 empfehlen ! In diesen Büchern
    gibt es schöne Geschichten um die Loks herum , so entsteht ein lebendiges Bild jener Zeit.
    Mein Lieblingsbuch ist aber das EK Buch über den Schienenzeppelin : Die Intriegen der Reichsbahn gegen Kruckenberg, das Anbiedern ans 3.te Reich,
    die Entwicklung der Motortriebwagen und die finanziellen Probleme Der Schienenzeppelingesellschaft...da tritt die eigentliche Maschine fast (aber nur
    fast) in den Hintergrund !
    Beste Hobbygrüsse von Jürgen

  • Hallo Frank,
    in deine gewünschte Richtung gehen noch mehr Bücher.


    Schau doch mal in diese rein:


    EK Verlag - Steffen Lüdicke - Erzählte Eisenbahn - ISBN 3-88255-801-6
    Leider vergriffen, aber immer wieder mal bei Ebay. aktuell gerade bei Ebay im Angebot.


    Und dann natürlich die Bücher von Helmut Neumann.
    Er hat inzwischen 5 Bücher im Herdam Verlag veröffentlicht-


    https://www.herdam.net/Derzeit-lieferbar/


    Besonders das erste Buch "Der mühevolle Weg zu einem einigermaßen brauchbaren Dampflokheizer"
    hat mich beim lesen immer wieder zum Schmunzeln gebracht.
    Aber Helmut Neumann gibt auch Einblicke in den Dienst und die Technik der Dampflok.


    Regelmässig erscheinen auch Geschichten aus dem Dienst und Leben der Eisenbahner in den
    Heften der "BahnEpoche"
    https://www.vgbahn.de/bahnepoche.php


    Hoffe meine Tipps waren neu für dich und bringen Dir weiteren schönen Lesestoff.


    Viel Spaß beim stöbern und lesen. ;)


    Grüße aus Berlin
    Jörg

  • Jürgen:
    Vielen Dank für Deine Tips. Ich bin gerade dabei, meine "Baureihen-Bücher" nach Schilderungen von Eisenbahnern durchzuforsten, mal sehen was ich da finde. Und die Geschichte über den Schienenzeppelin klingt spannend...
    Jörg:
    Deine Tipps sind tatsächlich neu für mich, vielen Dank dafür. Das Buch "Erzählte Eisenbahn" kann man antiquarisch für 10 bis 15 € bekommen. "Der mühevolle Weg zu einem einigermaßen brauchbaren Dampflokheizer" ist ja schon mal ein sehr gelungener Buchtitel und klingt in der Tat nach Geschichten zum Schmunzeln, ich bin gespannt.
    Beim "Forschen im Internet bin ich übrigens auf folgenden Artikel gestoßen:
    https://www.allianz-pro-schien…r-mario-meier-noah-katic/
    Eine schöne Geschichte, finde ich.
    Viele Grüße
    Frank

  • You may want to read this book...


    Wer auch gerne mal über die Grenzen schaut, dem sei das Buch "Mendips Engineman" von P.W. Smith empfohlen. Schon lange vergriffen, aber für wenig Geld bei abebooks und anderen Meta-Antiquariaten erhältlich.
    In dem Buch geht es um die berühmte S&DJR-Strecke von Bath an die britische Südküste. In Grossbritannien geniesst diese Linie Kultstatus. Auch auf dieser Strecke gab es einen Tunnel, der dem Lokpersonal alles abverlangte. Der Autor hat die typische Ausbildung über den Heizer zum Lokführer durchgemacht.


    Interessant, weil die Linie wegen ihrer anspruchsvollen Streckeführung auch gerne als Versuchsstrecke verwendet wurde. Die legendären S&DJR 7F waren zu ihrer Zeit die stärksten Lokomotiven in Grossbrittannien.


    fast hätte ich's vergessen, das Buch ist in Englisch :D


    schönen Sonntag wünscht,
    Michael

  • Hallo Frank,


    eventuell kennst Du ja noch die Bücher von K.E. Maedel.


    Wir älteren sind ja mit ihm aufgewachsen, da es in den siebzigern sonst kaum etwas brauchbares gegeben hat.


    Ein sehr mitnehmender und einfühlsamer Erzählstil, auch wenn er der Dampflok immer treu geblieben ist.


    Gerhard Moll kannte ich persönlich. Die Abende bei ihm zu Hause waren nie langweilig. Alleine diese Geschichten hätten ein kurzweiliges, fesselndes Buch abgegeben.


    Gruß Christoph

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